Es gibt Stadien, die wurden gebaut, um Spiele zu beherbergen. Und es gibt Stadien, die wurden gebaut, um Geschichte zu schreiben. Das Olympiastadion Berlin gehört zur zweiten Sorte — und niemand wusste das 1936 besser als die Architekten, die es entwarfen.
90 Jahre später steht das Stadion immer noch da, fast unverändert in seiner Grundstruktur, ein Monument aus Naturstein und Beton mit 73.856 Plätzen. Es hat zwei Diktaturen überlebt, zwei Weltmeisterschaften ausgetragen, jährlich das DFB-Pokalfinale beherbergt und ist die Heimat von Hertha BSC. Eine Reise durch neun Jahrzehnte deutsche Stadiongeschichte.
1934–1936: Der Bau für eine Inszenierung
Die Olympischen Spiele 1936 waren nie nur Sport. Sie waren Propaganda. Das NS-Regime nutzte die Spiele, um sich der Welt als modernes, leistungsfähiges Deutschland zu präsentieren — und das Stadion, in dem die Wettkämpfe stattfanden, sollte diese Botschaft in Stein gegossen tragen.
Architekt Werner March, dessen Vater bereits 1913 das Deutsche Stadion auf demselben Gelände entworfen hatte, plante zunächst einen modernen Stahlbeton-Bau. Albert Speer und Adolf Hitler griffen ein. Die Außenfassade musste mit Naturstein verkleidet werden — Travertin und Muschelkalk, monumental und „arisch”. Der Bau dauerte zwei Jahre, kostete 43 Millionen Reichsmark und beschäftigte zeitweise 2.600 Arbeiter.
Das Ergebnis: ein Oval mit 100.000 Plätzen, die ikonische Marathontor-Öffnung Richtung Maifeld, und der unverkennbare Glockenturm. Eröffnet wurde am 1. August 1936 — der Tag, an dem Jesse Owens begann, das ideologische Konstrukt der Spiele auf der Aschenbahn zu zertrümmern. Vier Goldmedaillen für einen schwarzen US-Amerikaner. Die Fotos gingen um die Welt.
1945: Überleben in Trümmern
Berlin lag 1945 in Schutt und Asche. Das Olympiastadion nicht. Es überstand die Bombardements und die Schlacht um Berlin nahezu unbeschadet — eine Anomalie in einer Stadt, in der ganze Viertel verschwunden waren.
Die britischen Besatzungstruppen übernahmen das Gelände. Es wurde zum Hauptquartier der britischen Berlin-Brigade, und über Jahrzehnte fanden hier vor allem Cricket-Spiele, Polo-Turniere und Militärparaden statt. Hertha BSC nutzte das Stadion ab 1963 als Bundesliga-Heimstätte, aber die Atmosphäre war eine andere — ein deutsches Stadion unter alliierter Verwaltung, mitten in West-Berlin, einer Insel mitten im Kalten Krieg.
1974: Das stille WM-Finale, das nicht hier stattfand
Bei der Fußball-WM 1974 war Berlin Austragungsort. Aber nicht für das Finale — das fand in München statt, wo Deutschland die Niederlande mit 2:1 schlug. Im Olympiastadion liefen drei Vorrundenspiele und ein Zwischenrundenspiel. Spektakulär war keines davon. Berlin war WM-Stadt, aber nicht WM-Hauptstadt.
Trotzdem markierte die WM 1974 einen Wendepunkt. Erstmals seit 1936 wurde das Stadion wieder Bühne eines internationalen Großereignisses, und die Modernisierungsarbeiten — neue Sitzplätze, verbesserte Infrastruktur — waren der Anfang eines langen Sanierungspfads.
1990er: Wiedervereinigung und der Streit um das Stadion
Mit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 stellte sich die Frage: Was machen wir mit diesem Bau? Abreißen? Modernisieren? Belassen? Eine Debatte, die zehn Jahre dauerte.
Die Argumente für den Abriss waren ideologisch begründet — kein Stein dieses NS-Bauwerks sollte stehen bleiben. Die Argumente dagegen waren praktischer Natur und am Ende historisch: Ein Bauwerk, das die deutsche Geschichte in seiner Architektur trägt, abzureißen, wäre eine Form von Geschichtsverdrängung. Man entschied sich für einen Mittelweg: behalten, aber radikal modernisieren.
2000–2004: Die große Sanierung
Zwischen 2000 und 2004 wurde das Olympiastadion für 242 Millionen Euro umgebaut. Die Außenmauer aus Naturstein blieb stehen — Denkmalschutz. Im Inneren wurde fast alles neu: die Tribünen abgesenkt, ein durchgehendes, leichtes Dach aus Stahl und Membran über alle Ränge gezogen, das Spielfeld komplett erneuert.
Das Ergebnis ist eine architektonische Synthese, die selten gelingt: außen 1936, innen 2004. Der historische Kern bleibt, aber das Erlebnis ist modern. Tageslicht durch die Marathontor-Öffnung, ein Dach, das den Schall hält, ohne die Sichtachsen zu zerstören. Architekturkritiker waren begeistert. Hertha-Fans auch — endlich keine Regenjacke mehr im November.
Wiedereröffnet wurde das Stadion am 31. Juli 2004 mit einem Freundschaftsspiel Hertha BSC gegen die Schottische Nationalmannschaft.
2006: Das WM-Finale
Die Fußball-WM 2006 brachte dem Olympiastadion endlich, was ihm 1974 verwehrt blieb: das Finale. Italien gegen Frankreich, 9. Juli 2006, 69.000 Zuschauer, weltweit Milliarden vor den Bildschirmen. Es wurde der Abend, an dem Zinedine Zidane Marco Materazzi mit dem Kopf in die Brust stieß und vom Platz flog. Italien gewann 5:3 nach Elfmeterschießen.
Für Berlin war das Finale eine Bestätigung. Das Olympiastadion gehörte wieder zu den Top-Adressen des Weltfußballs. Und das „Sommermärchen” — der gesellschaftliche Stimmungswechsel der Deutschen während der WM — hatte hier sein Ausrufezeichen.
DFB-Pokalfinale: Die jährliche Tradition
Seit 1985 findet das DFB-Pokalfinale jedes Jahr im Olympiastadion statt. Eine Tradition, die nirgendwo sonst in Europa existiert — die meisten Pokalfinale wandern. In Deutschland kommen alle nach Berlin. Bayern München, Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt, RB Leipzig — wer das Finale erreicht, fährt nach Charlottenburg.
Das Stadion hat dadurch einen besonderen Status: Es ist nie nur Hertha-Heimat, sondern auch nationale Pokalbühne. Jedes Frühjahr ist das Olympiastadion Mittelpunkt des deutschen Vereinsfußballs.
Hertha BSC: Die schwierige Liebesbeziehung
Hertha BSC und das Olympiastadion — das ist eine komplizierte Beziehung. Die „Alte Dame” spielt seit 1963 hier, und die schiere Größe ist Segen und Fluch zugleich. Bei Champions-League-Abenden gegen Barcelona oder Chelsea war das Stadion magisch. Bei Zweitliga-Spielen gegen kleine Gegner wirkten ein paar tausend Zuschauer in einer 74.000er-Schüssel verloren.
Immer wieder wurde diskutiert, ob Hertha ein eigenes, kleineres Fußball-Stadion braucht — ohne Laufbahn, näher dran am Geschehen, atmosphärisch dichter. Pläne kamen, Pläne gingen. Bis heute ist Hertha im Olympiastadion. Und nach dem Wiederaufstieg (Hoffnung der Saison 2026/27) wird das Stadion wieder die Bühne sein, die es 90 Jahre lang war: zu groß für den Alltag, perfekt für die großen Momente.
Was bleibt: 90 Jahre auf einem Blick
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1934–1936 | Bau für die Olympischen Spiele |
| 1936 | Eröffnung; Jesse Owens gewinnt 4 Goldmedaillen |
| 1945 | Stadion übersteht den Krieg, britische Verwaltung |
| 1963 | Hertha BSC zieht in das Olympiastadion ein |
| 1974 | WM-Spielort (Vorrunde) |
| 1985 | Erstes DFB-Pokalfinale in Berlin |
| 2000–2004 | Sanierung und Modernisierung (242 Mio. €) |
| 2006 | WM-Finale Italien vs. Frankreich |
| 2024 | EM-Spielort (Achtelfinale, Halbfinale) |
| 2026 | 90 Jahre Olympiastadion |
Fazit: Das Stadion, das man nicht abreißen konnte
Das Olympiastadion ist kein einfaches Bauwerk. Seine Geschichte ist deutsche Geschichte — mit allen Brüchen, allen Widersprüchen, allen Schwierigkeiten. Wer hier ein Spiel besucht, sieht nicht nur Fußball. Er sieht 90 Jahre Architekturgeschichte. Er sieht den Kompromiss zwischen Erinnerung und Erneuerung. Er sieht ein Bauwerk, das man bewusst nicht abgerissen hat — weil manche Mauern aus gutem Grund stehenbleiben sollten.
Wer das Stadion live erleben möchte: Der nächste große Anlass ist das DFB-Pokalfinale 2026. Tickets sind traditionell heiß begehrt. Alles zum Besuch findest du in unserem Stadion-Guide für das Olympiastadion Berlin und im Auswärtsfahrt-Guide für Berlin.
90 Jahre. Und immer noch eine der eindrucksvollsten Bühnen, die der Fußball hat.
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