Stadien sind keine kleinen Betriebe. Zehntausende Menschen gleichzeitig, stundenlanger Betrieb, Flutlicht, Heizung, Gastronomie, Müllberge — wer ernsthaft über Nachhaltigkeit redet, kommt an Sportstätten nicht vorbei. Die gute Nachricht: Einige Vereine und Betreiber nehmen das Thema inzwischen wirklich ernst. Die schlechte: Viele tun es noch nicht.
Hier ist der ehrliche Überblick — wer hat echte Maßnahmen, wer betreibt nur Greenwashing, und worauf können Fans beim nächsten Stadionbesuch selbst achten?
Warum Nachhaltigkeit im Stadion relevant ist
Ein ausverkauftes Bundesliga-Stadion mit 50.000 Zuschauern erzeugt pro Spieltag einen erheblichen ökologischen Fußabdruck: Tausende Autos auf dem Weg ins Stadion, Strom für Flutlicht und Technik, Einwegbecher und Verpackungsmüll in der Gastronomie, lange Lieferketten für Catering-Produkte.
Umgekehrt haben Stadien durch ihre schiere Größe das Potenzial, echte Hebel zu bewegen: Riesige Dachflächen für Solaranlagen, zentralisierte Energiesysteme, die sich effizienter steuern lassen als viele kleine Haushalte, und eine direkte Wirkung auf das Bewusstsein von Hunderttausenden Fans pro Saison.
Das Argument “Ein Stadion ändert ja nichts am Klimawandel” greift zu kurz. Wer als Bundesligist konsequent auf Ökostrom, kurze Lieferketten und Mülltrennung setzt, sendet ein Signal — und spart dabei oft auch noch Kosten.
Europa-Park Stadion Freiburg — Nachhaltigkeit by Design
Das Europa-Park Stadion in Freiburg ist das überzeugendste Beispiel für einen Neubau, der Nachhaltigkeit von Anfang an mitgedacht hat. Der SC Freiburg hat bei der Planung des 2021 eröffneten Stadions auf mehrere Prinzipien gesetzt:
Solaranlage auf dem Dach: Das Dach des Europa-Park Stadions ist mit Photovoltaik-Modulen ausgestattet, die einen Teil des Stadionstroms erzeugen. Bei Tagesspielen deckt die Anlage einen nennenswerten Anteil des Eigenbedarfs.
Regionale Gastronomie: Freiburg ist bekannt für seinen Anspruch an regionale Produkte. Im Stadion wird gezielt auf Lieferanten aus der Region gesetzt — kurze Transportwege, erkennbar frischere Produkte.
ÖPNV-Anbindung: Das Stadion liegt so, dass Fans bequem mit der Straßenbahn anreisen können. Der Verein kommuniziert das aktiv und hat günstige Kombiangebote mit dem Nahverkehr etabliert.
Mülltrennung: An den Kiosken wird konsequent zwischen Wertstoffen und Restmüll getrennt. Das klingt trivial, ist in Großstadien aber alles andere als selbstverständlich.
Freiburg ist kein Zufall — der Verein steht für eine bestimmte Haltung, und die spiegelt sich im Stadionbetrieb wider.
Millerntor-Stadion Hamburg — Haltung mit langer Tradition
Das Millerntor-Stadion ist kein neues, glänzendes Vorzeigeprojekt. Es ist ein etwas in die Jahre gekommenes Stadion, das trotzdem bei Nachhaltigkeit vorne mitspielt — weil der FC St. Pauli eine klare politische und gesellschaftliche Haltung hat.
Ökostrom seit Jahren: St. Pauli bezieht für sein Stadion seit langem zertifizierten Ökostrom. Keine große PR-Kampagne dazu — einfach gemacht.
Veganes und vegetarisches Sortiment: Rund ein Drittel des Kiosk-Angebots am Millerntor ist mittlerweile pflanzlich. Das reduziert den ökologischen Fußabdruck der Gastronomie spürbar, da Fleischproduktion deutlich ressourcenintensiver ist.
Pfandsystem: Am Millerntor wird seit Jahren ein konsequentes Pfandsystem für Becher und Behälter durchgesetzt — Plastikbecher landen nicht einfach auf dem Boden.
Fahrrad-Infrastruktur: Rund ums Millerntor gibt es mehr Fahrradparkplätze als in den meisten anderen Bundesliga-Stadien. In einer Stadt wie Hamburg ist das kein Luxus, sondern notwendige Infrastruktur.
Signal Iduna Park Dortmund — LEDs und mehr
Beim größten deutschen Stadion — dem Signal Iduna Park mit einer Kapazität von über 81.000 Plätzen — hat schon die schiere Größe eine eigene Logik: Was auch immer man dort optimiert, es wirkt in einem großen Maßstab.
Borussia Dortmund hat in den letzten Jahren die gesamte Flutlichtanlage auf LED-Technologie umgestellt. Das reduziert den Stromverbrauch der Beleuchtung erheblich — moderne LEDs brauchen je nach System 50 bis 70 Prozent weniger Energie als die vorher üblichen Halogen-Metalldampflampen.
Außerdem: Bahnanschluss und ÖPNV spielen in Dortmund eine große Rolle. Der Gelbe Wand-Heimspiel-Modus, bei dem Zehntausende Fans mit der S-Bahn und dem Bus kommen, ist de facto schon einer der nachhaltigen Aspekte des Stadions — auch wenn er so nicht kommuniziert wird.
Allianz Arena München — Stärken und Lücken
Die Allianz Arena ist in vieler Hinsicht ein Hightech-Stadion — und hat einige Nachhaltigkeitsmaßnahmen umgesetzt, die bei der Größe der Anlage Gewicht haben.
LED-Flutlicht: Auch München hat auf LED-Flutlicht umgestellt. Die Anlage mit ihren 1.000 LED-Scheinwerfern ersetzt die alten Metalldampflampen und reduziert den Energieverbrauch der Beleuchtung deutlich.
Energiemanagement: Der FC Bayern und Allianz Arena München GmbH haben ein systematisches Energiemanagementsystem eingeführt, das Verbrauchsdaten erfasst und Optimierungspotenziale identifiziert.
Wärmerückgewinnung: Das Stadion nutzt Wärmerückgewinnungssysteme in der Klimatechnik — Wärme, die sonst verloren gehen würde, wird zurückgeführt.
Schwachpunkt: Bei der Gastronomie und beim Transport sieht es weniger gut aus. Das Münchener Umland ist stark autoorientiert — trotz S-Bahn-Anbindung kommen viele Fans mit dem Auto. Und das Catering ist traditionell geprägt, pflanzliche Alternativen spielen eine untergeordnete Rolle.
Veltins-Arena Gelsenkirchen — Solardach auf einem Kultstadion
Die Veltins-Arena des FC Schalke 04 ist eine der technisch spektakulärsten Arenen Deutschlands — Retractable Roof, ausfahrbarer Rasen, Innenbeleuchtung für jede Stimmung. Und eine überraschend früh eingeführte Solaranlage auf dem Dach.
Die Photovoltaikanlage auf der Veltins-Arena ist eine der ersten, die auf einem deutschen Bundesliga-Stadion installiert wurde. Die erzeugte Energie wird ins Netz eingespeist und senkt die CO₂-Bilanz des Stadionbetriebs.
Schalke betont beim Thema Nachhaltigkeit außerdem die Nutzung von Regenwasser für die Rasenbewässerung — eine Maßnahme, die bei der intensiven Nutzung des Rasens über die Saison einen messbaren Unterschied macht.
Was viele Stadien noch falsch machen
Trotz aller Fortschritte: Greenwashing ist verbreitet, und manches läuft einfach noch nicht rund.
Einwegplastik: In zu vielen Stadien werden noch immer Einwegbecher ohne Pfandsystem ausgegeben. Die EU-Einwegplastikrichtlinie hat zwar Bewegung gebracht, aber die Umsetzung ist uneinheitlich.
Herkunft der Lebensmittel: “Regional” wird als Marketingbegriff verwendet, ohne dass Fans überprüfen könnten, was das konkret bedeutet. Echte Transparenz — welcher Lieferant, woher — ist die Ausnahme.
Carsharing und ÖPNV: Nur wenige Stadien haben aktive Programme, um Fans aus dem Auto in öffentliche Verkehrsmittel zu bringen. Kombi-Tickets mit dem Nahverkehr sind gut, reichen aber nicht.
Solaranlagen: Das Potenzial riesiger Stadion-Dachflächen ist in Deutschland noch nicht annähernd ausgeschöpft. Die meisten Stadien haben noch keine oder nur kleine PV-Anlagen.
Was Fans selbst tun können
Nachhaltigkeit im Stadion ist keine reine Aufgabe der Vereine. Fans haben Einfluss — als Konsumenten und als Stimmungsbarometer.
Anreise: Mit Bahn, Bus oder Fahrrad kommen, wann immer es geht. Carsharing ist besser als Alleinfahrt. Parkplatzstress entfällt gleich mit.
Pfandbecher zurückgeben: Klingt simpel, wird aber von erstaunlich vielen Fans vergessen. Wer den Becher zurückgibt, sorgt für geschlossene Kreisläufe.
Pflanzliche Optionen wählen: Wo es gute vegane oder vegetarische Stände gibt, diese nutzen — das signal der Nachfrage wirkt auf das Sortiment.
Vereine ansprechen: Vereinsforen, Social Media, Fan-Beauftragten-Gespräche — Fandruck hat in der Bundesliga funktioniert. Die veganen Angebote in vielen Stadien gibt es, weil Fans danach gefragt haben.
Fazit: Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil
Die Vereine, die beim Thema Nachhaltigkeit vorne sind — Freiburg, St. Pauli, zunehmend auch Dortmund und München —, tun es nicht nur aus ökologischer Überzeugung. Ein nachhaltig betriebenes Stadion spart langfristig Kosten (Energieeffizienz, weniger Abfall), stärkt die Bindung zu jüngeren Fans und positioniert den Verein positiv.
Die Bundesliga hat in den letzten Jahren aufgeholt. Der Vergleich mit den Vorreitern in England (Tottenham Hotspur Stadium) oder den Niederlanden (Johan-Cruyff-Arena Amsterdam, die Überschussenergie ins Netz zurückspeist) zeigt aber, dass noch Luft nach oben ist.
Wer als Fan wissen will, wie das eigene Lieblingsstadion aufgestellt ist: einfach nachfragen. Bei den meisten Vereinen gibt es mittlerweile Nachhaltigkeitsberichte — oder zumindest Ansprechpartner, die Auskunft geben können.
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