Es gibt Stadien, die man besucht. Und dann gibt es die Veltins-Arena — ein Stadion, das man erlebt. Ein Dach, das sich schließt. Ein Rasen, der nach draußen fährt. 62.271 Plätze, vollständig überdacht, mit einer Akustik, die einem in die Knochen fährt. Und das alles in Gelsenkirchen, einer Stadt, die aus dem Bergbau kam und nun eines der technisch fortschrittlichsten Fußballstadien Europas beherbergt.
Wie wurde aus einem Feld auf dem Berger Feld eine Arena, die Bundesliga, Champions League, Weltmeisterschaft und Biathlon unter einem Dach vereint? Das ist die Geschichte der Veltins-Arena.
Der Abschied vom Parkstadion
Wer die Geschichte der Veltins-Arena verstehen will, muss zuerst verstehen, was sie ersetzte: das Parkstadion. 1973 eröffnet, 70.000 Plätze in der Spitze, gelegen im Revierpark Nienhausen — das Parkstadion war für seine Zeit ein Schmuckstück. Schalke 04 spielte dort bis 2001, feierte gute Zeiten, litt durch schlechte. Aber in den späten 1990er Jahren war klar: Das Stadion entsprach nicht mehr den Anforderungen der modernen Fußball-Business-Welt.
Die UEFA verschärfte die Regularien für internationale Wettbewerbe. Modernisierungen waren teuer. Und Schalke hatte ambitioniertere Pläne als eine Renovierung.
Der Beschluss fiel 1998: Ein Neubau musste her. Kein saniertes Parkstadion, sondern eine vollständig neue Arena — auf dem Berger Feld, wenige Kilometer Luftlinie vom alten Stadion entfernt. Budget: knapp 200 Millionen Euro. Fertigstellung: 2001. Zeitplan: sportlich.
Baustart und Pionierarbeit
Der erste Spatenstich erfolgte im September 1999. Was folgte, war eine der bemerkenswertesten Bauleistungen im deutschen Stadionbau der Nachwendezeit. Die Bauherren — ein Konsortium aus HBM, der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Gelsenkirchen und dem Verein — setzten auf ein Konzept, das in Deutschland bis dahin niemand gewagt hatte:
Vollständig schließbares Dach + ausfahrbarer Rasen.
Beide Technologien waren in dieser Kombination ein Novum. Inspiriert von der ArenA in Amsterdam und dem Veltins-Arena-Vorläufer in Sapporo, entschied man sich für ein Konzept, das nicht nur Fußball, sondern alles ermöglichen sollte. Konzerte, Messen, Sportevents — egal bei welchem Wetter, egal zu welcher Jahreszeit.
Das Dach
Das Dach der Veltins-Arena besteht aus zwei beweglichen Schalen aus ETFE-Folie (Ethylen-Tetrafluorethylen) — ein Kunststoff, der fast so leicht wie Luft ist, aber extrem widerstandsfähig. Die Schalen gleiten auf Schienen und können das gesamte Spielfeld überspannen. Schließzeit: etwa 20 Minuten.
ETFE war in der Stadionarchitektur noch relativ neu — heute ist es Standard bei modernen Multifunktionsarenen weltweit. Gelsenkirchen war einer der frühen Vorreiter.
Der fahrbare Rasen
Noch spektakulärer: der Rasen. Der echte Grasen der Veltins-Arena wächst nicht im Stadion, sondern neben ihm. Eine riesige Betonwanne auf Luft-Rädern — 120 Meter lang, 85 Meter breit, über 9.000 Tonnen schwer — wird bei Bedarf ins Innere oder aus dem Stadion herausgefahren.
Hintergrund: Bei Konzerten, Eissport oder anderen Events kann ein echter Rasen nicht verwendet werden. Stattdessen wird er rausgefahren, das Innere umgebaut, und danach kehrt der Rasen zurück. Der gesamte Vorgang dauert mehrere Stunden — aber der Rasen bleibt dabei immer unter Tageslicht, wird bewässert und gepflegt.
Für die damalige Zeit eine Sensation. Heute kommt diese Technik auch in Stadien wie dem Allegiant Stadium in Las Vegas zum Einsatz — aber Schalke war früh dabei.
Eröffnung 2001: Fanfest unter Tränen
Am 13. August 2001 wurde die Arena AufSchalke (so der ursprüngliche Name) eröffnet. Das Eröffnungsspiel: Schalke 04 gegen Energie Cottbus. Ergebnis: 6:2 für den Gastgeber. Natürlich.
Die Stimmung war geradezu überwältigend. Schalke-Fans, die das Parkstadion jahrzehntelang geliebt hatten, weinten beim letzten Abschied vom alten Zuhause — und standen nun in einem Stadion, das alles Dagewesene übertraf. 62.271 Plätze, vollständig überdacht, mit steil ansteigenden Rängen, die die Fans nah ans Spielfeld bringen.
Das Besondere: Die Architekten (HPP Architekten) hatten bei der Planung großen Wert auf Sichtlinien und Atmosphäre gelegt. Kein Platz im Haus ist weiter als 145 Meter vom Mittelpunkt entfernt. Die Ränge steigen steil an — inspiriert von englischen Grounds der Vor-Taylor-Report-Ära — was das Lautstärkepotenzial enorm steigert. Wenn 62.000 Menschen in dieser Schüssel schreien, ist das physisch spürbar.
Internationale Bühne: Champions League und WM 2006
Schalkes neues Stadion sollte keine graue Maus sein. Und es wurde es auch nicht.
2004 war die Veltins-Arena (damals noch ArenA AufSchalke) Schauplatz des Champions-League-Finals zwischen FC Porto und dem AS Monaco. Pepe und Deco, damals im Trikot von José Mourinhos Porto, schossen den Sieg. Eine Champions-League-Nacht in Gelsenkirchen — ein Satz, der sich seltsam anfühlt, aber wahr ist.
2006 folgte die FIFA Weltmeisterschaft in Deutschland. Gelsenkirchen war einer der zwölf Austragungsorte. Fünf WM-Spiele fanden in der Arena statt, darunter das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien. Das 4:2 im Elfmeterschießen, Lehmanns Zettel — diese Szenen spielten sich in dieser Arena ab.
Die WM 2006 war für viele der Durchbruch der deutschen Stadion-Generation: Allianz Arena in München, Olympiastadion Berlin, Signal Iduna Park in Dortmund — und eben Gelsenkirchen. Moderne Arenen, die zeigten, dass Fußball in Deutschland auch kommerziell auf höchstem Niveau funktioniert.
Das technische Herzstück: Zahlen und Fakten
Wer die Veltins-Arena zum ersten Mal betritt, ist vom Maßstab überwältigt. Einige Daten, die das greifbar machen:
- Kapazität: 62.271 Zuschauer (national), bis zu 70.000 bei Konzerten
- Rasenfläche: 105 × 68 Meter
- Dachfläche: ca. 65.000 m² ETFE-Folie
- Dachhöhe: bis zu 72 Meter über dem Spielfeld
- Fahrbahnlänge Rasen: ca. 120 Meter außerhalb des Stadions
- Baukosten: 191 Millionen Euro
- Bauzeit: ca. 22 Monate
Dazu kommt ein vollständig integriertes Lüftungssystem, das bei geschlossenem Dach für Frischluft sorgt — ohne dass man das Gefühl einer Halle bekommt. Das war in der Planung eine der größten Herausforderungen: Ein Stadion, das sich geschlossen anfühlt wie ein Open-Air-Erlebnis.
Der Name: Von AufSchalke zu Veltins
Der Namensrechtevertrag mit der Veltins-Brauerei aus dem Sauerland begann 2005 und läuft seither — mit kurzen Unterbrechungen und Anpassungen — durch. Veltins, Traditionsbrauerei aus Meschede-Grevenstein, Sponsor auf Bundesliga-Ebene und Namensgeber für die größte vollüberdachte Arena Deutschlands.
Der Name spiegelt auch etwas über das Selbstverständnis wider: Schalke und Bier, das Ruhrgebiet und Handwerk. Ein Brauerei-Name klingt weniger corporate als manch andere Arena-Bezeichnung. In Gelsenkirchen nehmen das die meisten mit Humor — und Veltins-Bier vom Fass gibt’s im Stadion eh auf jedem Stock.
Die Biathlon World Team Challenge: Schnee in der Arena
Eine der skurrilsten und gleichzeitig beliebtesten Traditionen der Veltins-Arena: Die Biathlon World Team Challenge — jährlich am 28. Dezember, seit 2002. Der Rasen fährt raus, Kunstschnee kommt rein, und Biathleten aus aller Welt schießen und laufen vor ausverkauftem Haus.
60.000 Zuschauer für Biathlon in einem Fußballstadion — das klingt absurd, ist aber mittlerweile eines der meistgesehenen Biathlon-Events weltweit. ARD und ZDF übertragen live. Skirennläufer tragen Nikolauskostüme. Fans schwingen Weihnachtsmützen. Es ist genau so großartig, wie es klingt.
Dass das möglich ist, liegt am fahrbaren Rasen und am schließbaren Dach. Ohne diese Technik: kein Biathlon, kein Kunstschnee, kein Spektakel.
EM 2024 — Schalkes Bühne, nicht Schalkes Spiel
Im Sommer 2024 war die Veltins-Arena erneut internationale Kulisse: Die UEFA Fußball-Europameisterschaft gastierte in Deutschland, und Gelsenkirchen war dabei. Fünf Gruppenspiele wurden in der Arena ausgetragen — darunter das DFB-Auftaktspiel gegen Schottland am 14. Juni (5:1).
Schalke 04 war zu dem Zeitpunkt in der 2. Bundesliga — aber das Stadion spielte auf allerhöchstem Niveau. Ein Widerspruch, der das Ruhrgebiet gut beschreibt: großartige Infrastruktur, unabhängig von der aktuellen Tabellensituation.
Bemerkenswert: Die EM folgte auf die WM 2006 und das CL-Finale 2004. Kaum ein Stadion in Deutschland hat so viele internationale Großereignisse erlebt — und das in einer Stadt, die kein Topklub-Standort im klassischen Sinne ist.
Schalke 04 und die Arena: Eine komplizierte Liebe
Man kann die Veltins-Arena nicht besprechen, ohne den Verein zu erwähnen, der sie betreibt. FC Schalke 04 — mit seinen Höhen (Meister 1958, Pokalsieger mehrfach, CL-Halbfinale 1997 und 2011) und Tiefen (Bundesliga-Abstieg 2021, Wiederaufstieg 2022, erneuter Abstieg 2023).
Das Stadion hat Schalke durch die Krise getragen — buchstäblich. Der Verkauf von Namenrechten, Konzerteinnahmen, internationale Events: Ohne die Multifunktionsfähigkeit der Arena wäre die finanzielle Lage des Vereins in den schwierigen Jahren noch prekärer gewesen.
Gleichzeitig drückt das Stadion auf die Vereinsbilanz. Die Schulden aus dem Bau wurden über Jahre abgetragen. Die Unterhaltungskosten sind enorm. Aber der Gegenwert — eine Arena, die weltweit Beachtung findet — ist unbezahlbar.
Besuch planen: Was Fans wissen müssen
Die Veltins-Arena ist auch für Gäste anderer Vereine ein Erlebnis. Der Gästeblock fasst je nach Spiel bis zu mehrere tausend Zuschauer und ist klar separiert — sowohl beim Eingang als auch im Bereich selbst.
Die Anreise per ÖPNV ist empfehlenswert: Straßenbahnlinie 302 (Bogestra) ab Gelsenkirchen Hauptbahnhof oder direkt ab Bochum Hbf. Die Haltestelle Arena/Berger Feld liegt direkt vor dem Stadion. Wer mit dem Auto kommt, findet über 14.000 Parkplätze auf dem Berger Feld — aber rechtzeitig anreisen lohnt sich.
Für Stadiontouren ist die Arena ebenfalls geöffnet: Besucherinnen und Besucher können das Innere, die Spielerkabinen, den Pressebereich und den Rasen (je nach Bespielung) erkunden. Details unter veltins-arena.de.
Wer eine Nacht in der Gegend plant, findet in Gelsenkirchen und Bochum gute Optionen. Der Signal Iduna Park in Dortmund ist nur rund 20 Kilometer entfernt — wer beides an einem Wochenende machen möchte, kombiniert hier zwei der beeindruckendsten Stadien des Ruhrgebiets.
Und wer noch weiter ins Ruhrgebiet eintaucht, dem sei das Volksparkstadion in Hamburg als Kontrast empfohlen — ein klassisches Open-Air-Stadion, das zeigt, wie unterschiedlich Stadionkonzepte sein können.
Fazit: Ein Stadion, das seinen Anspruch einlöst
Die Veltins-Arena hätte vieles werden können, was sie nicht ist: eine seellose Mehrzweckhalle, eine gesichtslose Schüssel, eine Investitionsruine. Stattdessen ist sie 25 Jahre nach ihrer Eröffnung ein lebendiges Stück Stadiongeschichte.
Die Technik ist nach wie vor beeindruckend. Das Dach schließt. Der Rasen fährt. Die Atmosphäre ist stark. Und Gelsenkirchen beweist, dass Weltklasse-Infrastruktur nicht zwingend an Weltklasse-Tabellenstände gebunden ist.
Wer über Stadionarchitektur in Deutschland spricht, kommt an der Veltins-Arena nicht vorbei. Wer Schalke 04 verstehen will — den Verein, die Fans, das Ruhrgebiet — der fängt am besten hier an. Auf dem Berger Feld. In der Arena, die vieles kann und noch mehr versprochen hat. Und dieses Versprechen, zumindest das technische, eingelöst hat.
Alle Infos zur Anfahrt, Parkmöglichkeiten und Tickets: → Veltins-Arena Guide
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